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Kommentar des Tages – Claudio Pizarro zwischen Heilsbringer und Marketingkampagne

Claudio Pizarro / By Benjamin Radzun (Flickr: Tag 1) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

In Bremen ist derzeit Grün-Weiß angesagt, allerdings nicht weil der SV Werder Bremen in der aktuellen Spielzeit vorne wegprescht oder gar einen Titel eingefahren konnte, sondern weil ein verlorener Sohn im Herbst seiner Karriere zurück an die Weser gekehrt ist.

Der beinahe 37-jährige vertragslose beste ausländische Torschütze der gesamten Bundesligahistorie ist zu seiner alleresten Europa-Station zurückgekehrt. Claudio Pizarro hat gestern für vorerst ein Jahr in der Hansestadt unterschrieben und kehrt damit ein drittes Mal an die Weser zurück – wir berichteten.

Die gesamte Journalie im hohen Norden hat den Hype um die Rückkehr Pizarros bis in den letzten Winkel begleitet. Die neuen und alten Weggefährten äußern sich durchweg positiv über seine Verpflichtung und sehen Werder wieder auf einem guten Weg. Doch was steckt wirklich hinter der Verpflichtung des Peruaners?!

Pizarro wird aufgrund seines Trainingsrückstandes und seiner hohen Verletzungsanfälligkeit sicherlich keine Wunderdinge vollbringen können und Werder allein aus der Abstiegszone gen internationalem Wettbewerb Werder Bremenschießen.

Werders Geschäftsführer Thomas Eichin hielt sich während der Transferperiode stets bedeckt, wenn die Presse ihn mit einer Pizarro-Rückkehr konfrontierte. Erst in der vergangenen Woche äußerte sich Thomas Eichin und misst der Verpflichtung Pizarros letztlich eine enorme Bedeutung bei, da der peruanische Stürmer mit seiner enormen Erfahrung und seinem Torriecher die im Aufbau befindliche junge Werder-Mannschaft unterstützen kann.

Dennoch fragt man sich bei aller Euphorie, ob die Verpflichtung wirklich Sinn macht oder in erster Linie ein großer Marketingschachzug ist, der das angekratze Werderimage wieder in ruhigeres Fahrwasser lenken soll.

Wie die Kollgen von der Syker Kreiszeitung in ihrer heutigen Ausgabe berichten, bricht die Pizarro-Rückkehr sämtliche Fanshop-Rekorde. Allein in den ersten drei Stunden nach der gestrigen Bekanntgabe der Vertragsunterschrift, wurden mehr Pizarro-Trikots abgesetzt als von irgendeinem anderen Werder-Spieler seit dem 1. Juli. Zwar sind keine Zahlen an die Öffentlichkeit gedrungen, dennoch lässt sich munter spekulieren. Es werden mit Sicherheit mindestens 100 Trikots über den Tresen gegangen sind. Bei einem Nettoverkaufspreis mit vollständiger Beflockung von 94,99 € für ein Pizarro-Trikot in den Größen S – XXL, wird ein Umsatz 9499,- € erzielt. Da aber davon auszugehen ist, dass die Pizarro-Mania nicht abreißen wird – als Fan mit nostalgischer Grundhaltung kann man sich dem Ganzen auch nur schwer entziehen -, werden im Merchandising-Bereich mit Sicherheit locker siebenstellige Umsätze erzielt und Claudio Pizarros Salär so teilweise refinanziert. Darüber hinaus soll Hauptsponsor Wiesenhof auch bei der Verpflichtung mächtig mitgeholfen haben.

Der Imagegewinn für Werder ist immens: dem ehemaligen Eishockeymanager der Kölner Haie und jetzigem Geschäftsführer der Grün-Weißen Thomas Eichin wurde in der Vergangenheit allzu oft nachgesagt, er mache den alten SV Werder kaputt und krempele den Verein zu stark um. Er machte sich durch zahlreiche Transfers unbeliebt und schob immer wieder die Konsolidierung des Vereins in den Fokus, leider rückte Werder dadurch schnell in die fußballerische Bedeutungslosigkeit in der Bundesliga. Wenn man allerdings bedenkt, dass die letzten drei Geschäftsjahre stets mit einem dicken Minus in den Bremer Kassen geschlossen wurden, hat Eichin bis dato viel richtig gemacht.

Letztlich ist die Pizarro-Verpflichtung eine Win-Win-Win-Situation:

1. Claudio Pizarro hat kurz nach Beginn der Saison doch noch einen Verein in der Bundesliga gefunden, der auf ihn setzen wird. Er kann mit seiner Erfahrung und seinem Torriecher den einen oder anderen Punkt sichern und die jungen Spieler mächtig mitziehen.

2. Der Verein hat eine Galionsfigur an die Weser zurücklenken können, die nicht nur den Verein und das Umfeld bestens kennt – Pizarro hat mit dem gesamten Trainerteam (Skripnik, Frings, Vander) noch aktiv auf dem Rasen gestanden -, sondern auch die Umsätze im Fanshop mächtig ankurbeln wird. Darüber hinaus wird das Image des Vereins als auch des Spielers mächtig aufgewertet, da Pizarro mal nicht den finanziellen Verlockungen der MLS oder der Wüstenligen erlag, sondern seiner alten Liebe aus Verbundenheit eine dritte Chance gab – seien wir ehrlich, Claudio Pizarro wird auch finanziell nicht am Hungertuch nagen und kann mit Sicherheit Abstriche machen.

3. Die Fans haben eine Überidentifikationsfigur zurückbekommen – der Messias ist wieder an der Weser. Wenngleich es jedem klar ist, dass er Werder weder zur Meisterschaft schießen wird, noch alleine die Punkte einfahren kann, setzen die Fans auf den Klebeeffekt. Pizarro soll und wird die junge und hungrige Mannschaft mitreißen, so dass Werder schnell nichts mehr mit dem Abstieg zu tun haben wird und möglicherweise frühzeitig um die Euroleague mitspielen kan

Foto: By Benjamin Radzun, wikipedia, Creative Commons Lizenz